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Schildkröte und weiße Schlange
Von Helmut Matt
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Oben am "Berg der untergehenden Sonne", hoch über dem südlichen Ufer des Westsees, erhebt sich die Leifeng-Pagode vor der Kulisse von Drachenbooten und Fischerkähnen, die schon kurz nach Tagesanbruch lautlos über den See gleiten.

Sie stammt aus der Epoche der fünf Dynastien und zehn Königreiche und wurde im Jahr 975 unserer Zeitrechnung auf Befehl des Wuyue-Kaisers Qian Chu erbaut. Mit dem Bau setzte der Herrscher der Geburt seines Sohnes, den er mit seiner Lieblingskonkubine Huang Fei gezeugt hatte, ein Denkmal in Form einer achteckigen Stein und Holzkonstruktion.

Während der Ming-Dynastie brannten japanische Piraten die hölzernen Teile der Pagode nieder, so dass nur noch ein steinernes Gerippe übrig blieb, das man heute noch auf Gemälden aus der Ming-Zeit sehen kann.

Weil die Menschen aus der Umgebung an die wundertätige Kraft der Steine glaubten, die auf dem Berg verblieben waren, wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Teile der Pagodenruine abgetragen, bis die Reste am 25.September 1924 schließlich ganz in sich zusammenfielen.

Im Jahr 1999 beschloss die Provinzregierung schließlich, die Pagode nach den Originalvorlagen wieder aufzubauen, allerdings als stabile Konstruktion aus Stahl, Beton und Glas. Die Grundmauern und die in den Ruinen verborgenen Schätze blieben erhalten und können von den Besuchern noch heute besichtigt werden.

Während der Arbeiten am Fundament des neuen Bauwerks wurde vom Erscheinen einer weißen Schlange zwischen den alten Trümmern der Pagode berichtet.

Damals, in längst vergangenen Tagen der südlichen Song-Dynastie geschah es, dass aus bis heute nicht vollständig geklärten Gründen ein sehr ungewöhnlicher Jiao Zi vom Geländer der "zerbrochene Brücke" auf den Grund des Westsees gelangte.

Eine unheimliche Stille lag über dem See, eine besondere Kraft bewegte die Wellen. Auch in den Tiefen des Gewässers blieb es nicht verborgen, dass es sich bei dem kleinen Jiao Zi nicht um eine gewöhnliche Teigtasche handelte.

Direkt unter der Brücke lebte in jenen Tagen eine weiße Schlange mit dem Namen Bai Suzhen. Göttlichen Ursprungs, strebte sie seit vielen Jahren schon danach, durch ein reines, asketisches und vorbildliches Leben, in Berührung mit der Welt der Sterblichen zu gelangen. Eine tiefe Sehnsucht nach allem Menschlichen bewegte ihr Herz.

Nichts wünschte die Göttin Suzhen sich sehnlicher, als ein Leben inmitten der von ihr so sehr geliebten Menschen zu führen. Zusammen mit ihrer besten Freundin Xiao Qing, einer grünen Schlange, die ebenfalls ganz in der Nähe der "zerbrochenen Brücke" lebte, verbrachte sie lange Nächte mit Gesprächen und Träumen über das Leben am Ufer des Westsees.

Vieles hatten sie schon gehört von der Welt der Sterblichen, Handel und Gewerbe, Musik und Tanz, Liebe und Leid. Wie sehr wünschten sich beide, einmal wirklich zu erfahren, was sich hinter diesen Begriffen verbarg.


 
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