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2. Bundesliga
Thriller: Shanghai Expats (5)
Von Stefan Lake
Übersicht

Sie hatten Zuschauer. Die jungen Leute. Sechs oder sieben. Jeder mit einem Mobiltelefon in der Tasche, keine Frage, erpicht zu filmen, was da passierte und ins Internet zu stellen. Oder die Polizei zu rufen. Oder beides. Erst der Film, dann die Polizei.

Wenn er Shen finden wollte, hatte er keine Zeit für so etwas. Ein Film im Internet war kein Problem, es war dunkel, sein Gesicht würde kaum zu erkennen sein, und seinen Namen kannte hier sowieso niemand. Ein kurzes Filmchen, in dem ein Unbekannter zwei andere Unbekannte vor einer Bar in Shanghai verhaute. Ein paar Hundert Klicks vielleicht. Kein Problem.

Aber Polizei war ein Problem. Polizei war schnell zur Stelle in Vierteln mit Bars und Kneipen, das war in den meisten Städten der Welt so. Erst recht in Shanghai. Und dann? Er müsste in einem kahlen Raum ohne Fenster Fragen der Polizisten beantworten. Und auf chinesischen Polizeirevieren konnten dabei schnell Stunden vergehen oder ein ganzer Tag oder mehrere Tage. Chinesische Polizisten durften das, Leute tagelang festhalten.

Palmer verzichtete daher darauf, diesen Rüpeln zu erklären, dass man Frauen nicht schlägt und sagte,

„Nichts Oder was. Lasst sie einfach gehen.“

Der Größere hielt Palmers Blick. „Wir lassen sie gehen, dieses Mal“, sagte er. Und zu der Blonden, „Du weißt jetzt Bescheid“, und warf ihr die Zeitung ins Gesicht.

Die Blonde ließ ihre Arme sinken und fingerte nach einer Zigarette. Palmer sah ihre Hände zittern.

„Und was machen wir mit dem?“ Der Kleinere nickte in seine Richtung.

„Sollten wir dich hier nochmal sehen, dann bist du dran“, sagte der Größere aus der Entfernung.

„Genau“, sagte der Kleinere und machte einen Schritt zurück, „Arschloch.“

Die Blonde kam zu ihm.

„Danke.“ Sie hielt die Zigarette zwischen den Fingern, wollte sie anzünden, aber ihre Hände zitterten immer noch.

Palmer nahm das Feuerzeug aus ihrer Hand und hielt ihr die Flamme hin. Dabei sah er den beiden Deutschen hinterher. Der Größere hatte sein Telefon herausgenommen und sprach hinein, der Kleinere winkte einem Taxi. Das Taxi hielt, sie stiegen ein und fuhren davon. Der Größere telefonierte weiter, Palmer sah seine Silhouette.

Die Blonde zog an der Zigarette, ihre Augen auf Palmer, „Danke“. Sie nahm das Feuerzeug aus seiner Hand, ihre Finger berührten seine, und ging hinein.

Er hob die Zeitung auf. Shanghai Daily, die Ausgabe von heute. Seite vier.

Dann ging er ebenfalls wieder hinein. Er hatte noch nicht bezahlt.

Die Blonde saß bereits wieder an ihrem Tisch, Beine übereinander geschlagen, Zigarette in der einen, Glas in der anderen Hand. Während Palmer vorbeiging, lächelte sie ihm zu. Er lächelte nicht zurück.


 
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