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Thriller: Shanghai Expats (4)
Von Stefan Lake
Übersicht


Eine Stunde später saß Palmer in einer Bar im ehemaligen französischen Viertel der Stadt, vor ihm ein kühles Guinness und ein Teller mit Steak und Gemüse. Die Bar hieß Jacks Daniel und war eine Sportsbar, was in diesem Fall Baseball auf sechs Bildschirmen bedeutete und zwei Billardtische in der Ecke.

Es war noch zu früh gewesen unten am Bund, sieben Uhr am Abend. Um diese Zeit würden nur die Verzweifelten in den Bars sein, zusammen mit lärmenden Touristen, die einmal im Leben am Shanghai Bund einen Cocktail mit Verzierung trinken wollten. Für ihn bedeutete es, dass sein Plan nicht funktionieren konnte. Das falsche Publikum.

Er musste warten, zwei Stunden oder drei. Aber das war okay, er war ohnehin müde und hungrig und hatte sich schnell entschlossen. Gegen seinen Hunger konnte er überall in Shanghai etwas tun, und gegen seine Müdigkeit half am besten Bewegung, wenn er schon keine Zeit zum Schlafen hatte.

Die Lösung war simpel. Zuerst Bewegung, dann Essen.

Er war erst ein Mal in Shanghai gewesen, acht oder neun Jahre zuvor, vielleicht zehn; er müsste darüber nachdenken, was er aber nicht wollte, die Erinnerung wäre nicht angenehm. Obwohl er also erst ein Mal in Shanghai gewesen war, erinnerte er sich an einen Stadtteil, in dem er damals ein paar ruhige Stunden in Cafés und Teehäusern verbracht hatte. Es sollte kein Problem sein, dort ein passables Restaurant zu finden. Also hatte er sich auf den Weg gemacht. Von der Promenade wieder hinunter und die Zhongshan Lu überquert in die erste Seitenstraße, die er sah.

Die Straße hatte ihn auf die Nanjing Lu geführt mit ihren grell beleuchteten Läden und Tausenden Passanten, von dort am People’s Square vorbei, wo alte Chinesen neben der überfüllten Ringstraße Drachen steigen ließen und dabei lachten wie Kinder, die nicht wussten, was sie taten oder nicht darüber nachdachten; schließlich zur Shanxi Lu und damit in die ehemalige Französische Konzession. Der Stadtteil mit den Cafés und Teehäusern. Das Jacks Daniel war die erste Bar, die er gesehen hatte.

Das Publikum gemischt, Ältere und Jüngere, Expats und Einheimische. Auf der Karte Steak und Kaffee und Guinness und aus den Lautsprechern Blinded by the light. Bruce Springsteen, nicht Manfred Mann. Ein guter Ort zum Warten.

Er saß an einem Hochtisch am Ende des Raums an einer mit dunklem Holz vertäfelten Wand, gegenüber einem der Bildschirme. An der ebenso dunklen Holzdecke surrte ein Ventilator groß wie eine Schiffsschraube und vertrieb die Zigarettenschwaden der beiden Chinesinnen vom Tisch nebenan und trocknete sein verschwitztes Shirt.




 
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